Steuererklärung auf Bierdeckel ist Illusion
Sächsischer Steuerberatertag kritisiert schlechte Qualität der Gesetzgebung
Dresden. Die Zeiten, in denen ein einzelner Steuerberater das gesamte deutsche
Steuerrecht überblicken könnte, sind längst vorbei. Politiker werben zwar immer
wieder mit der Steuererklärung, die künftig auf den Bierdeckel passen soll. Dies
sei jedoch nur eine Geschichte fürs Volk, sagte der ehemalige
Baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth am Sonnabend auf dem 5.
Sächsischen Steuerberatertag in Dresden. In Wahrheit würden sich die Steueregeln
hierzulande in den kommenden Jahren weiter verkomplizieren. Dafür sorge allein
schon die EU und die voranschreitende Globalisierung. Für Steuerberater bedeutet
die Entwicklung, dass stärker als bisher eine Spezialisierung auf einzelne
Bereiche des Steuerrechts notwendig wird.
Schon jetzt ist es laut Andreas Zönnchen, Präsident des Steuerberaterverbandes
Sachsen, teilweise kaum möglich, Mandanten rechtssicher zu beraten. Die
überstürzte Änderung von Gesetzen durch die Bundesregierung und der so plötzlich
entstehende enorme Einarbeitungsaufwand für die Berater sind zwar nicht gerade
schön, aber noch zu bewältigen, erklärt Steffi Müller, Präsidentin der
Steuerberaterkammer des Freistaates Sachsen. Da jedoch diese Gesetze dermaßen
durchlässig sind, dass Viele versuchen, sie auf ihre Weise auszulegen, hagelt es
nur so Gerichtsverfahren. Die so entstehende Flut an Gerichtsentscheidungen sei
für einen einzelnen Steuerberater nicht mehr zu überblicken, doch durchaus
relevant für seine tägliche Arbeit, so die Kammerpräsidentin.
Trotzdem können alltägliche Steuerprobleme wohl auch weiterhin von einem Berater
abgedeckt werden. Geht es jedoch um spezielle Fragen, hilft Müller zufolge nur
eine Kooperation der Steuerberater.
Für einen Aufschrei im Berufsstand sorgt die Bestrebung der Bundesregierung, die
Umsatzsteuervoranmeldung beim Finanzamt in Zukunft auch Steuerfachwirten und
geprüften Bilanzbuchhaltern zu erlauben. "Die Arbeit ist eine Steuererklärung,
und die sollte den gut ausgebildeten Steuerberatern vorbehalten sein", fordert
Zönnchen. Sie macht heute rund die Hälfte des Geschäfts der Steuerberater aus.
Rückendeckung bekommen sie von den Landesregierungen, die das entsprechende
Gesetz jetzt im Bundesrat erst einmal geschlossen blockiert haben. "Eine hoch
qualifizierte Steuerberatung liegt im Interesse des Staates", sagte Sachsens
Finanzminister Horst Metz auf dem Treffen am Wochenende. Kammerpräsidentin
Müller zufolge geht schon jetzt der Umsatzsteuerbetrug jährlich in die
Milliarden Euro. Die Komplizierung des Steuerrechts und die Lockerung der
Anforderungen an diejenigen, die Steuerberatung übernehmen, passe deshalb nicht
zusammen. Das würde der Qualität der Steuererklärungen hart zusetzen, die doch
eigentlich weiter verbessert werden solle.
Erst vor wenigen Monaten starteten die deutsche Steuerberaterkammer, der
deutsche Steuerberaterverband und der führenden Dienstleister der Branche, Datev,
eine Qualitätsoffensive. Ein Handbuch mit 150 Checklisten und Anweisungen soll
vor allem Fehler bei Routinearbeiten minimieren helfen.
Ziel ist es, dadurch die Haftungsrisiken für die Steuerberater zu verringern.
Thomas Stölzel
Artikel der DNN vom 13.09.2004
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