Sachsens freiberufliche Selbstständige wollen mehr Aufträge aus dem eigenen
Land. „Sachsen für Sachsen“ fordert ihr Verbandspräsident Hans-Joachim Kraatz.
Die Politik will das Steuersystem vereinfachen – haben die Berater-Berufe
Angst davor?
Im Gegenteil, auch wir fordern einfachere Gesetze. Natürlich gehört Beratung zu
unseren Aufgaben. Aber wenn es jeden Tag etwas Neues gibt, können wir unsere
Mandanten nicht mehr sinnvoll auf die Zukunft vorbereiten. Derzeit herrscht
Verunsicherung bei allen Bürgern.
Geht es den Freiberuflern denn wirtschaftlich schlecht?
Wir sind von der Konjunktur nicht abgekoppelt, in der Tendenz sind deutliche
Rückgänge bei den Gewinnen zu beobachten. Zum Beispiel spüren die Notare, dass
weniger Immobilien verkauft werden. Nicht nur Ingenieure, Wirtschaftsprüfer und
Steuerberater berichten von wachsenden Außenständen, und die Finanzierung ist
wegen der Basel-II-Regeln erschwert. Nun sollen wir womöglich durch eine
Ausbildungsabgabe belastet werden.
Bilden die Freiberufler im Osten weniger aus als im Westen?
Nein, wir haben in den vergangenen Jahrzehnten einen ungeheuren Bedarf an
Fachkräften gedeckt und deshalb viel ausgebildet. Heute muss man sich einen
Lehrling leisten können. Außerdem steigen die Anforderungen an die Qualität,
zugleich ziehen viele gute Schulabgänger in den Westen.
Mit Job-Angeboten könnten Sie den Nachwuchs halten ...
Das wollen wir auch, für das kommende Ausbildungsjahr bereiten wir eine
Lehrstellenbörse im Internet vor. Dazu kommt unsere Initiative „Sachsen für
Sachsen“. Wir brauchen mehr Aufträge aus dem eigenen Land. Viele unserer
Mitglieder sind frustriert, weil sogar der Staat lieber Berliner Kollegen
beauftragt als einen Sachsen. Die Gerichte beauftragen Sachverständige von
außerhalb. Nach unserem Eindruck ist so etwas hier im Land häufiger als
anderswo.
Sie meinen, Bayern würde seine Wirtschaft stärker abschotten?
Ein Bayer nimmt doch keinen Sachsen für einen öffentlichen Auftrag. Dieses
Grundverständnis hat Bayern und Baden-Württemberg stark gemacht, so etwas
brauchen wir in Sachsen auch.
Sie stammen aus Wuppertal und bekommen dann womöglich keine Aufträge mehr ...
Es geht darum, in Sachsen eine gute Binnenkonjunktur zu schaffen. Dabei kommt es
nicht auf den Geburtsort an, sondern auf den Ort, an dem die Produktivität
steckt, an dem Steuern gezahlt werden. Wir Freiberufler sind ortsgebunden und
tragen in Sachsen zum Steuer-Aufkommen bei.
Passt so eine Aufforderung zum regionalen Wirtschaften in eine Zeit, in der
die Grenzen zu den Nachbarländern sich öffnen?
Wir sind doch für enge Zusammenarbeit und haben schon gute Kontakte nach Polen
oder Tschechien. Die Grenzöffnung wird in einigen Jahren helfen, den
Fachkräfte-Mangel in der Industrie abzufedern. Für uns gibt es neue Aufträge,
denn viele unserer Kunden sind aktiv in den neuen EU-Ländern.
Bekommen Sie auch neue Konkurrenz von dort?
Die recht- und steuerberatenden Berufe jedenfalls nicht, denn das deutsche Recht
und die Sprache bleiben kompliziert. Außerdem schützen unsere Honorar-Ordnungen
uns vor Dumpingpreisen.
Die EU sieht darin eine Wettbewerbs-Hürde, die Sie abschaffen sollten. Ist
das plausibel?
Nein, die festen Gebühren sichern die hohe Qualität unserer Arbeit. Sie schützen
den Verbraucher, dienen der Kostentransparenz und dem Rechtsfrieden. Das ist ein
hohes Gut in Deutschland. Auch unsere Berufsregeln und die Selbstverwaltung in
den Kammern gibt es in anderen Ländern nicht.
Gespräch: Georg Moeritz
Quelle:
sz-online.de
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